Coco - eine fantastische Reise ins Reich der Toten

Einmal ins Kino für eine unbeschwerte Auseinandersetzung mit dem Tod. Die Erinnerung an unsere Toten muss nicht immer schwer und traurig sein, vor allem wenn sie in einem Phantasiereich voller Glamour und Fabelwesen leben. Eine Auseinandersetzung mit dem mexikanischen "Dia de los Muertos", mit seiner bunten, fröhlichen Art an die Toten zu denken. Feel Good mit Disney/Pixar, aber trotzdem liebevoll sehenswert.

(C) Disney/Pixar

Trauer im Film: Collatoral Beauty (Verborgene Schönheit)

Der Film zu Männern, die trauern - der erste. Okay, ein Hollywoodschinken  sondergleichen. Klischeealarm. aber drückt auf die Tränendrüse. Und hat einige schöne Momente. Ein Vater trauert um sein Kind. Wir erleben ihn völlig zurückgezogen. Ausgeklingt aus der Welt. Ehemals erfolgreich in der - eh klar - schönen Welt der Werbebranche, lenkt er tageweise seine Aufmerksam auf das Dominospiel. Lass das Spiel mit den  Allegorien beginnen.Drei Freunde schicken ihm die Liebe, den Tod und die Zeit vorbei, um ihn auf die lichte Seite zurückzuholen...

Ab hier gibts SPOILER SPOILER SPOILER.

Alles in allem, wie gesagt ein Hollywoodfilm. Mit sehr bekannten Schauspielern. Will Smith als Hauptdarsteller etc. Aber wie geht der Film mit der Trauer um, der eigentlichen Hauptdarstellerin des Films.

Dass der Umgang mit Trauer  im Vordergrund des Films steht, ist doch bereits ein erster guter Aspekt. Genauer gesagt, der Umgang eines Mannes mit dem Verlust seiner Tochter (durch einen Hirntumor). Wenn wir unseren Protagonisten kennenlernen, liegt der Tod seiner Tochter bereits zwei Jahre zurück. Ein weiter, guter Aspekt,  wie ich finde. Denn damit zeigt der Film, dass Trauer ein langer Prozess ist. Auch wenn bereits "viel" Zeit verstrichen ist, kann Trauer umfassend Teile des Lebens bestimmen, das alles beherrschende Gefühl sein. Zeit heilt nicht automatisch alle Wunden. Auch damit wird sich der Film auseinandersetzen.

Der Protagonist wird als sehr zurückgezogener, isolierter Trauernder gezeigt, der mit der Welt nichts mehr zu tun haben will. Mit niemanden spricht. Aber auch keine extremen Gefühle oder Tränen zeigt. Ich würde mal behaupten,  ein stereotyp eher trauernden Männern zugeschriebenes Verhalten. Außen vor gelassen wird sein soziales Umfeld. Wieso ist da niemand, Familie und Freund_innen?  Lebt er seit zwei Jahren zurückgezogen und alleine in seiner Wohnung? Ist nicht wirklich Thema und bleibt damit unbemerkt traurig.

Er versucht erst mal gar nicht einen Umgang mit dem Tod seiner Tochter zu finden.  Das einzige, wie wir seine aktive Auseinandersetzung erleben, ist, dass er den Allegorien von Leben, Zeit und Tod düstere Briefe schreibt. Durch "Zufall" geraten diese an seine drei Freund_innen und Arbeitskolleg_innen, die auch aus wirtschaftlichen Gründen daran interessiert sind, dass es ihrem Freund "endlich" besser geht.

Das finde ich dann auch die schöne Idee des Films. Die  Auseinandersetzungen mit dem personifzierten Leben, der Zeit und dem Tod, die die drei Freunde dem trauernden Protogonisten vorbei schicken. Um mit seiner Trauer, seinem Schmerz und seiner Wut leben zu lernen und seinen Trauerweg weiterzugehen, arbeitet er sich an diesen drei Themen ab.

Der Tod "I have heard all your platitutes: She is in a better place. This is all part of a masterplan. [...] Here is my favorite: God looked down and saw the most beautiful rose. So beautiful that he picked it to have it in heaven. [...]

Than there is the sience, the biocentrism - we are living and dying in infititive universes all at the same time. And the religions, the christians and their salvation, the buddhists and samsara. the hindus and the sacrament. and get the poetry. And to die is different from what any one supposed, and luckier. Whitman. Rage, rage against the dying of the light. Though wise men at their end know dark is right. Thomas. [...] I got it. "It all basically says, that you are a natural part of life. We should not hate you. We should not fear you, I guess, we should just accept you. It's just all a bunch of intellectual bullshit, because she is just not here holding my fucking hands.

Die Zeit "You just waste time." "I don't care about time. [...] I don't want your gift, because you took hers."

Die Liebe "Love betrayed me.  You broke my heart." "No, I am in all of it. I am the darkness and the light. I am the sunshine and the storm. Yes, you are right, i was there in her laugh, but I am also here in your pain. I am the reason for everything. I am the only why. Don't try to live without me."

Und dann ist da noch die titelgebende Collatoral Beauty (die alles begleitenden, durchdringende Schönheit, in deutsch mit verborgenen Schönheit übersetzt). Es bleibt den Zuseher_innen überlassen, wie sie collatoral beauty genau deuten. Vielleicht ist es der heilsame Blick auf die eigene Trauer. Das Erkennen, dass der Grund für die Trauer, die Schmerzen die dahinter stehende Liebe ist. Dass das Schöne bleiben kann und verbindet. und gesehen werden will. Es ist das, wo uns der Trauerweg vielleicht hinführen vermag, diese alles durchdringende Schönheit zu sehen. Das Leben intensiv wahrnehmmen. Das Licht im Sinne von Liebe und Verbundenheit in der Dunkelheit sehen. Die tiefgehende Verbundenheit aller Dinge zu spüren. Long way to go?!

Und dann schlägt Hollywood wieder zu. Die allgorischen Figuren wirken nicht nur auf den Protagonisten, sondern sozusagen "im echten Leben" auf die Probleme der drei Freund_innen. Sehr heilsam also. Nochmal dicke Tube Schmalz.

Und ach ja. Nach einer kurzen,  emotionalen Ausbruch in der Interaktion mit Liebe, Zeit und Tod. Zack bumm. wacht er auf, erkennt seine FreundInnen wieder. und ihre Sorgen und Leid - als wäre er nie weg gewesen. Here we are, dear Hollywood. Geht's uns wieder gut. Plötzlich wieder da. Katharsis. Ein Blitzlicht auf den weiteren Trauerweg hätte uns Hollywood schon auch noch vergönnen können. Und dann die Geschichte mit der Frau. Aber wenn wir uns auf den Film einlassen, dann passts auch das dann irgendwie.

Film: One more time with feeling

Edit: Dieser Blogartikel ist mein Beitrag zur Aktion "Alle reden über Trauer". Siehe mehr dazu am Ende des Beitrags. Der Film „One more time with feeling“ ist ein Making-of zum neuen Album von Nick Cave  “Skeleton Tree”.  Nick Cave arbeitet gerade an seinem neuen Album, als sein 15-jähriger Sohn Arthur stirbt. Der Film soll, so wirkt es, zeigen, wieso das Album so geworden ist, für Nick Cave ungewöhnlich unfertig und ungeschliffen. Er will sich seinem Publikum erklären, ohne sich jedoch ihm unbekannten Medienleuten zu stellen, und deren Fragen zu seinen Songs und seinem Privatleben zu beantworten.

Es ist zwar kein Film, der viel Handlung hat, aber falls du dir deine eigene Meinung bilden willst, hier könnten SPOILER SPOILER SPOILER sein.

Nick Caves Sohn stirbt. Er und seine Familie leben weiter. Nick Cave (warum auch nicht) ist mit denselben Themen konfrontiert, wie so viele Trauernde. Er kann jedoch mit diesen Themen auch in der Musik Ausdruck finden. Obwohl die Songs teilweise bereits vor dem Tod seines Sohnes geschrieben wurden und seltsamer Weise vorhersehend wirken. Die Textstelle „You fell from the sky and crashed in a field near the river Adur“ bezieht sich, so lässt sich vermuten, darauf, dass sein Sohn in den Klippen bei Brighton tödlich verunglückt ist. Aber der Refrain "with my voice i am calling you" macht das Lied sowieso zum #griefsoundtrack.

Er will in diesen traumatischen Ereignissen eine Erzählung finden, die ihm Orientierung bietet. Ist es überhaupt machbar, einen künstlerischen Umgang zu finden? Worte zu finden, die ihm das Geschehene begreifbar und vielleicht auch anderen zugänglich machen, ist unmöglich. Es ist doch alles nur Blödsinn, was ich sage, gibt er zu bedenken. Ihm, dem poetischen Sprachkünstler, fehlen die Worte, obwohl es so wirkt, als würde er gerade um diesen Ausdruck ringen. Ein Trauma, wie er es nennt, ist eine Katastrophe für den kreativen Prozess. Und stellt damit auch ihn als Künstler in Frage. Er sei alt geworden, alles (in Hinblick auf die Kunst) fällt ihm schwerer.

Er hat keine Weisheiten, keine Plattitüden parat, damit wir diese eigentlich unzumutbare Wendung des Schicksals annehmen können. Die Phrase „Er lebt in unseren Herzen weiter“. Wie so oft, mit diesen Sprüchen von Außenstehenden ist wenig anzufangen. Ja, er ist in unserem Herzen, aber er lebt einfach nicht mehr. Das Einzige, das okay ist, ist das nichts okay ist. Das nicht okay sein auch okay sein muss. Die Welt bleibt nicht stehen, alles herum läuft weiter. Vielleicht auch okay. Es wird weitere Platten, weitere Musik geben, solang das Publikum will. Aber alles ist anders.

Der Film zeigt einen Mann und seine Familie im Schmerz. Nicht in diesem akuten Schmerz der ersten Wochen und Monate, sondern einen Schmerz, der sich in das Leben integriert hat. Wenn man nach außen wieder funktioniert und sein Leben weiterführen kann. Aber niemals wird er wie früher sein. Menschen möchten sich nicht verändern. Warum auch? Und wenn dann zu einer besseren Version von uns selbst. Ein Ereignis, wie dieses, eine persönliche Katastrophe verändert einen ohne dass man selbst darauf Einfluss hat. Es kann einen so verändern, dass man sich selbst nicht wiedererkennt. Wer bin ich jetzt? Was mache ich jetzt? Erstmal einfach weitermachen, wie bisher?

Der Film zeigt einen Mann, der trauert. Wie jede/r von uns, auf seine ganz eigene, individuelle Weise. Der Film zeigt das ehrlich, nicht entblößend. Die Untiefen der Trauer und des Schmerzes bleiben uns verborgen (außer in der Szene, wo Susie das Bild zeigt, das Arthur einst von den Klippen gemalt hat, von denen er in den Tod gestürzt ist). Aber dennoch spürt man diese Welterschüttertheit. Aber alles in allem auch eine Friedlichkeit. Wir, Susie und ich, sagt Nick Cave, haben beschlossen wieder glücklich zu sein. Als Trotz und Rache sozusagen.

Wenn er dann zum Schluss den Refrain singt "It’s all right now”, hat man das Gefühl, er hadert. Wahrscheinlich ist es einfach beides: all right und einfach überhaupt nicht okay.

Nachtrag

Ich nehme mit meinem Blog an der Aktion "Alle reden über Trauer" teil, die von Silke von der Seite In lauter Trauer zum Geburtstag ihres Freunds initiiert wurde. Alles Gute, Julian!

Ich habe diese Aktion genutzt, um den Schritt zu wagen, den Blog öffentlich zu schalten. Danke, liebe Silke, für diese Möglichkeit! Diesen Beitrag habe ich gewählt, weil er mir bisher der liebste ist.

Alle reden über Trauer (C) in lauter trauer
Alle reden über Trauer (C) in lauter trauer

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