#griefsoundtrack. must be a way

"Must be a way, the blues are so black / And my heart an empty shape / That I can't recognize before my eyes"

Hier gefunden und dazu gleich ein Statement der Sängerin zum Song; ein Lied über Depressionen und deren Macht die eigene Sicht auf die Wirklichkeit zu verändern.

For "Must Be A Way," I imagined what the physical manifestation of depression might look like if it took on the form of a geographical space. I finished the song in Marfa, Texas, a place I truly and joyously love, but the sense of sparseness and isolation I found while further exploring the West Texas desert seemed to apply. Like some sort of damaging mirage, depression bends the lines of reality and leaves you in a fight to discern what's real and what's only an illusion.

Ein Album ist auf dem Weg. das entstanden ist mit einem leeren und gleichzeitig vollen Herz, wenn die eigene Mutter stirbt und zeitgleich Liebe mit einer neuen Beziehung ins Leben kommt. Das leere und gleichzeitig volle Herz das können wir mit unserem eigenen Herzen hören.

Ein Riss mitten durch mich hindurch

Der Podcast endlich. Wir reden über den Tod hat eigentlich einen eigenen Beitrag hier verdient. Aber in der Jänner-Folge des Podcasts hat ein Zitat von Paul Ludwig Landsberg besonders bei mir nachgehallt.

„In der Liebe formt sich durch Teilhabe sozusagen ein neues Wesen, ein Bund, nicht ich, nicht du, sondern ein Wir. Beide Personen sind zugleich in einer neuen Gesamtperson miteinander verbunden. Wenn nun der geliebte Mensch stirbt, geht der Riss und die Berührung des Todes, in dem das Wir zerreißt, mitten durch mich hindurch, insofern ich dieses Wir bin. Ich sterbe mit. Hier gewinnt der Satz, den Menschen sagen, dass mit dem Anderen ein Teil von ihnen selbst mitgestorben ist, seine eigentliche Wahrheit und Tiefe.“

Paul Ludwig Landsberg: Die Erfahrung des Todes. Ursprünglich erschienen auf Französisch, 1937.

Coco - eine fantastische Reise ins Reich der Toten

Einmal ins Kino für eine unbeschwerte Auseinandersetzung mit dem Tod. Die Erinnerung an unsere Toten muss nicht immer schwer und traurig sein, vor allem wenn sie in einem Phantasiereich voller Glamour und Fabelwesen leben. Eine Auseinandersetzung mit dem mexikanischen "Dia de los Muertos", mit seiner bunten, fröhlichen Art an die Toten zu denken. Feel Good mit Disney/Pixar, aber trotzdem liebevoll sehenswert.

(C) Disney/Pixar

Antonin Dvořák - Zum Abschied ein Cellokonzert

Während Antonin Dvořák - zu dieser Zeit lebt er in den USA - an seinem Cellokonzert (h moll op.104) arbeitet, erhält er einen Brief von seiner Schwägerin Josefina Kaunitzova, diese sei ernsthaft erkrankt. Wenig später stirbt sie - kurz nachdem er in die Heimat zurückgekehrt ist. 30 Jahre zuvor war Dvořák in seine damals 16-jährige Klavierschülerin verliebt. Sie erwiderte seine Gefühle nicht. Aber Dvořák blieb der Familie verbunden und heirate später Josefines jüngere Schwester Anna. Das Cellokonzert und insbesondere der zweite Satz bringen die Melancholie des Abschieds und der Trauer zum Erklingen.

Die Nachricht von der Erkrankung von Josefina bewegte Dvořák dazu sein bereits früher geschaffenes Lied "Kez duch muj san” (Lass mich allein), das Lieblingslied seiner Schwägerin, als Motiv in den zweiten Satz einzubauen. Als Josefina nach seiner Rückkehr stirbt, bewegt ihn der Verlust seiner Schwägerin, die eigentlich bereits abgeschlossene Arbeit an dem Konzert wieder aufzunehmen. Und lässt auch den dritten und finalen Satz des Konzerts das Lied als Reminisenz  aufgegreifen.

My feet will want to walk to where you are sleeping

Dead Woman

Pablo Neruda

If suddenly you do not exist,
if suddenly you no longer live,
I shall live on.

I do not dare,
I do not dare to write it, if you die.
I shall live on.

img_20171111_193816.png

[...]

No, forgive me.
If you no longer live,
if you, beloved, my love,
if you have died,
all the leaves will fall in my breast,
it will rain on my soul night and day,
the snow will burn my heart,
I shall walk with frost and fire and death and snow,
my feet will want to walk to where you are sleeping,
but I shall stay alive,

because above all things
you wanted me indomitable,
and, my love, because you know that I am not only a man
but all mankind.

To Know the Dark

To go into the dark with a light is to know the light.
To know the dark, go dark, go without sight,
And find that dark, too blooms and sings,
And is traveled by dark feet and dark wings.

 

"To Know the Dark" by Wendell Berry, from The Selected Poems of Wendell Berry. © Counterpoint, 1999.

Young Widows Dinner Club. Barbecue Edition.

Seit März 2017 gibt es ihn nun schon, den Young Widow(er)s Dinner Club. Regelmäßig einmal im Monat kommen wir zusammen. Ganze sechs Mal haben wir uns bereits getroffen. Und dieses gestrige 6. Treffen war besonders besonders. Wir haben uns zum gemeinsamen Grillen versammelt. Ein reichlich gedeckter Tisch erwartete uns, genauso wie viel Herz. Und wenn das Grillen nicht mehr vom Grillmeister des Hauses übernommen werden kann, schaffen wir das mit geballter Frauenpower. Ein Hoch an alle Grillmeisterinnen!

Bis tief in die Nacht. Lustig und Traurig. Beschwingt leicht und tiefsinnig melancholisch. So stimmig. Ein wundervoller Abend. Und zum Abschluss noch Dreierlei vom Schnaps im Kerzenschein - der Geschmack der Erinnerung. Was bleibt? Ein warmes Gefühl im Herzen und der Wunsch nach mehr.

 

 

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#griefsoundtrack. Grönemeyers Trauerweg

Schon ein paar Tage geht mir dieser Klassiker der Trauerlieder nicht aus dem Kopf. Darum heute als #griefsoundtrack Grönemeyers "Der Weg". Auf dem 2002 erschienen Album Mensch können wir Herbert Grönemeyer ein Stück auf seinem Trauerweg begleiten. Das gesamte Album thematisiert den Verlust seiner Frau (und seines Bruders) im Jahr 1998. Das Lied Der Weg bezeichnet Grönemeyer selbst als  "extrem traurig". Is es auch.

Ich gehe nicht weg Hab' meine Frist verlängert Neue Zeitreise Offene Welt Habe dich sicher In meiner Seele Ich trage dich bei mir Bis der Vorhang fällt

Ein Klassiker der Trauermusik. Nicht zuletzt eines der meist gewünschtesten Lieder auf Begräbnissen. Im Musikvideo dazu segelt er sinnbildhaft alleine durch das stürmische aber wunderschöne (Trauer)Meer, um am Ende am Steg zum Tor zwischen Lebenden und Toten anzulegen. Die Segel abnimmt. Ja und damit der Vorhang fällt.

Zum Weiterlesen:

 

Option B - Was tun, wenn A nicht mehr möglich ist

Sheryl Sandberg ist Geschäftsführerin von Facebook. 2015 ist sie, die sich auf ihre eloquente Art insbesondere auch für Frauen in Führungspositionen engagiert, mit dem Unvorstellbaren konfrontiert. Auf einem gemeinsamen Urlaub stirbt ihr Mann plötzlich und unerwartet. Zwei Jahre später veröffentlicht sie, als eine Art der Vermächtnisarbeit, das Buch "Option B - Facing Adversity, buidling resilience, and finding joy" In dem Buch geht es um ihre Trauer und um die Fähigkeit Resilienz zu entwickeln, in schweren Zeiten. Für mich leistet das Buch wichtige Bewussteinsarbeit zum Thema Trauer.

"One of the reasons why I wrote this book, because I want to bring elephants out of the room. Because hardship brings a lot of elephants. [...] This elephant keeps following your around. You want to silence a room? Go, get cancer! Loose a child!"

 

(c) The Ellen Show vom 24.04.2017

Viele Aspekte finde ich wichtig und völlig nachvollziehbar. Anderes teile ich nicht uneingeschränkt. Aber hört und lest selbst.

Die ersten Kapiteln des Buches sind sehr eindringlich, bringen Trauernden Bestätigung und trauerunerfahrenen Menschen wichtige Aspekte von Trauer ins Bewusstsein. Es geht um die erste Stunden, Tage, Wochen der Trauer. Es geht darum, wie eine sich verändert. Dass man einerseits sein altes Leben zurück will, andererseits ohne den verlorenen Menschen nicht die Alte sein kann.

Es geht um die Reaktionen des sozialen Umfelds. Um den Elefanten im Raum, der dadurch entsteht, dass alle Bescheid wissen, aber niemand darüber spricht. Darum das Menschen aus Angst irgendwas falsches zu sagen, gar nichts sagen. Dass sie einen nicht an den Verlust erinnern wollen. Sie erinnert sich, dass sie selbst nicht anders war. Früher, wenn sie von jemanden erfahren hat, dem etwas schlimmes widerfahren ist, hat sie zwar einmal nachgefragt. Aber dann das Thema nicht mehr aufgebracht, vorrangig, um die Person zu schützen und sie nicht an den Tod, die Krankheit etc. zu erinnern. Was, wie alle Betroffenen wissen, eigentlich lächerlich ist. Du kannst nicht erinnert werden, da du es immer weißt. Es immer bei dir ist.

Auch für Sheryl Sandberg war es nicht nur allein schwer die Trauer zu über-/erleben, sondern auch die Isolation, die mit ihr einhergeht. Klar ist aber, indem für eine wichtige Menschen nicht darüber sprechen (können), diese Beziehungen zerstört werden.

Sheryl Sandberg gibt auch ganz praktische Tipps für Menschen im Umfeld von Trauernden. Den Schmerz anerkennen. Zu zeigen, dass ich weiß, dass du leidest. Dass ich da bin, um dir zu helfen, da durchzukommen. Statt der belastenden und eigentlich oftmals unbeantwortbaren Frage "Wie geht`s?", einfach zu Fragen "Wie geht's dir heute?" etc etc.

Und den weiteren Klassiker "Sag mir, wenn ich irgendwas für dich tun kann." zu vermeiden, der die Verantwortung wieder auf die Trauernden zurückschiebt, die teilweise weder genau wissen was sie brauchen, noch die Energie haben sich zu organisieren. Dass es darum geht, etwas anzubieten, etwas konkret zu tun. Ja aber ohne den Anspruch, die Dinge wieder gut zu machen.

Sheryl Sandberg wählt relativ von Anfang an einen sehr offenen Umgang mit ihrer Trauer. Sie schreibt ein E-Mail an viele Menschen in ihrem Umfeld, indem sie über das Erlebte spricht und was sie an Unterstützung braucht. Damit schafft sie sehr offensiv den Elefanten aus dem Raum. Für mich ist aber auch klar, dass ein solch offener Umgang nicht der einzig wahre ist. Sondern einer von vielen möglichen und es sehr vom eigenen sozialen Umfeld abhängt, was möglich oder hilfreich ist.

Was mir sehr gut gefallen hat, ist wie sie den Umgang der Menschen auf ihren Arbeitsplatz mit ihrer veränderten Situation beschreibt. Sie kehrt relativ rasch wieder auf ihren Arbeitsplatz bei Facebook zurück. Und sie beschreibt ihren Chef Mark Zuckerberg als wichtige Stütze. Aber nicht deswegen, weil er sie schont und sie von ihren verantwortungsvollen Tätigkeiten freistellt, sondern indem er sie weiter fordert und bestärkt, und insbesondere anerkennt, wenn sie Gutes leistet. Diese Anerkennung hilft ihr zu sehen, dass mit ihrem Mann nicht alles von ihr mit gestorben ist. Dass sie weiterhin gute Arbeit erbringt. Trotzdem gibt es Rücksichtnahme und Zugeständnisse. Da könnten sich wahrscheinlich so manche Führungskräfte einiges abschauen und lernen.

Etwas ambivalenter habe ich die Kapiteln zu "Finding Joy and Happiness" gelesen. Nicht weil ich finde, dass Trauernde sich nicht auf die Suche nach Zufriedenheit und Glücklichsein machen können/sollten. Sondern weil in diesen Kapiteln Traurigsein im Grundton negativ bewertet wird. Traurigsein ist ein sehr intensives Gefühl, das nicht immer rein negativ ist. Das Traurigsein bringt uns Verbundenheit, das intensive Spüren des Verstorbenen und kann auch das Herz zum Beben bringen. Viele Menschen hören deswegen traurige Musik oder weinen während sie traurige Filme sehen. Echte Freude spüren zu können mag vielleicht auch damit verbunden sein, richtig traurig sein zu können. Ich glaube auch, dass es eine der Herausforderungen der Menschen im Umfeld einer Trauernden ist, die trauernden Person traurig sein lassen zu können und diese Traurigkeit zu akzeptieren, nicht zu bewerten, verkleinern oder wegmachen zu wollen.

Eine andere Gefahr, die ich auch durchaus wahrnehme ist, dass Nichttrauerende Trauernden das Buch empfehlen, mit dem versteckten Hinweis: "Schau, wie gut, wie offen, wie produktiv Sheryl Sandberg trauert. Wie sie ihr Leben aktiv weiterlebt und versucht positives aus ihrem Schicksalsschlag zu entwickeln."

So sagt auch ein Interviewkommentartor "The other side of great loss can be joy, love and gratidude for your life". Was (akut) Trauerende jedoch nicht brauchen, ist jemand der Ihnen sagt, dass die Schule des Lebens ihnen die Möglichkeit gegeben hat, zu Lernen, was wichtig im Leben ist, Liebe, Dankbarkeit. Es muss nichts Positives aus einem schweren Schicksalsschlag entstehen. Er darf einfach nur total furchtbar und einfach nur Scheiße sein. Schweres darf einfach nur Schweres bleiben. Positives entsteht möglicherweise nicht wegen dem Erlebten, sondern trotzdem.

Trotzdem können Menschen mit Trauererfahrung Perspektivenveränderungen erleben. So sagt auch Sheryl Sandberg: "This huge tragedy made me more grateful. It would have never occured to me that he would not grow old. If we grow old, we are lucky."

Ich verstehe das Bedürfnis etwas mitzunehmen wollen. Etwas aus dem Erlebten zu weiterzutragen. Ist doch dieser Blog auch aus dieser Intention heraus entstanden. Es ist schön, etwas im Namen einer oder für eine verstorbene Person zu tun.

i want his memory to stay alive.

Alles in allem finde ich "Option B" ein wichtiges, ein gutes Buch. Aber dennoch sollte es nicht als Anleitung oder sogar Vorgabe für den eigenen Trauerweg gelesen werden. Sondern als eine Möglichkeit von vielen, wie wir alle versuchen unser eigenes Leben selbstbestimmt weiterzugehen.

Look at me! Death is real. Songs über und aus dem Leben danach

Die neu erschiene Platte A Crow Looked At Me von Mount Eerie / Phil Elverum ist eine intime, persönliche und sehr nahegehende Auseinandersetzung mit der schweren Krankheit und dem Sterben seiner Frau Geneviève und dem Leben danach. "Zum Heulen schön", wie ein Freund von uns meinte. Sehr roh, sehr direkt. Keine Musik, die man einfach so nebenan hören kann. Vor allem, wenn man seinen Worten zuhört. Die Lieder erzählen die Geschichte der beiden, vor allem in der schwersten Zeit. Viele Lieder richten sich direkt an seine Frau. Es ist so, als würde er durch seine Musik mit ihr weiter sprechen wollen und auch können.

 

Death is real Someone's there and then they're not And it's not for singing about It's not for making into art When real death enters the house, all poetry is dumb When I walk into the room where you were And look into the emptiness instead All Fails

Das Trauma der Erfahrung jemanden, der einem so wichtig ist, auf diesem Weg zu begleiten und nach seinem Tod weiterzuleben, schwingt in den Liedern mit. Die Lieder sind in den ersten Monaten der akuten, frühen, extrem schmerzhaften und dunklen Trauer entstanden. Sie erinnern mich an die totale Schwere der ersten Zeit, in der man noch so mit dem Begreifen beschäftigt ist. Insofern kann das Album für Menschen mit einem sehr nahen Verlust zu aufwühlend und zu nah dran an den eigenen Erfahrungen. Also mit Vorsicht genießen! Auch mir ist das Album bei den ersten Hördurchgängen sehr nahe gegangen und ich habe mich in seiner Traurigkeit wiedergefunden. Interessieren würde mich jedoch, wie es sich für jemanden ohne intensive Trauererfahrung anfühlt. Bekommt man vielleicht sogar ein (besseres) Gefühl dafür, wie es uns Trauerenden in dieser ersten Zeit geht?

Das langsame Begreifen, dass der Tod wirklich den Weg ins eigene Leben gefunden hat. "Death is real". Die wahnsinnige Bedeutungslosigkeit aller Dinge in den Momenten, in denen der Tod so präsent im eigenen Leben ist. Und obwohl es schwierig ist, diese Ausnahmesituation mit Musik und Sprache zu fassen (When real death enters the house, all poetry is dumb), singt er weiter und lässt er uns durch seine Lieder an seinem Leben in den ersten Monaten nach dem Tod seiner Frau teilhaben. Er singt über ein von ihr bestelltes Paket, das erst nach ihrem Tod ankommt. Er singt darüber, wie er ihre letzte Zahnbürste erst Monate später entsorgt. Ach, wie kennen wir das, oder? Immer wieder tauchen auch Blitzlichter aus der letzten Lebensphase seiner Frau auf. Die wiederkehrende und immer körperlich anstrengender werdenden Wege zur Ärztin, und zuletzt auch ihr letzter Atemzug. Und die über den Tod hinausgehende Verbundenheit.

Viel würde sich über jedes einzelne Lied schreiben lassen. Jedes einzelne davon gibt Stoff zum Nachdenken und Nachspüren.

I now wield the power to transform a grocery store aisle into a canyon of pity and confusion and mutual aching to leave. (My Chasm)

 

Zum Weiterlesen:

Auf FM4 wurde das erste Lied der Platte "Death is real" von Philipp L'heritier als Song zum Sonntag vorgestellt: Der große, schwarze Vogel

Der Pitchfork Autor Jayxon Greene hat für einen Artikel einen Tag mit Phil Elverum und seiner Tochter verbracht: Death Is Real: Mount Eerie’s Phil Elverum Copes With Unspeakable Tragedy

 

Trauer im Zitat: Joachim Meyerhoff. Schauspieler und Autor

Joachim Meyerhoff hat einige wunderbare, sehr empfehlenswerte autobiographische Bücher geschrieben. Die große Zuneigung zu den Menschen in seinem Umfeld, seiner Familie, ist in jedem seiner Worte zu spüren. Besonders dann (aber bei weitem nicht nur), wenn sie für immer gehen. Zu seinem Umgang mit Trauer habe ich folgendes inspirierende Zitat gefunden, in dem ich mich mehr als wiederfinden kann.

"Ich habe mich eigentlich sehr früh entschieden, diesen Tod nicht zu akzeptieren, in dem Sinne, dass einem gesagt wird: Es gibt eine Zeit der Trauerarbeit, und dann muss man sich damit abfinden. Ich habe mich dann entschlossen, diese Trauer nicht anzunehmen, sondern zu sagen: Ich will diesen Bruder immer bei mir haben."

Quelle: Ö1 online Beitrag: Alle Toten fliegen hoch. Romandebüt von Schauspieler Joachim Meyerhoffe. 22.05.2011 Online unter http://oe1.orf.at/artikel/277438

Trauer im Film: Collatoral Beauty (Verborgene Schönheit)

Der Film zu Männern, die trauern - der erste. Okay, ein Hollywoodschinken  sondergleichen. Klischeealarm. aber drückt auf die Tränendrüse. Und hat einige schöne Momente. Ein Vater trauert um sein Kind. Wir erleben ihn völlig zurückgezogen. Ausgeklingt aus der Welt. Ehemals erfolgreich in der - eh klar - schönen Welt der Werbebranche, lenkt er tageweise seine Aufmerksam auf das Dominospiel. Lass das Spiel mit den  Allegorien beginnen.Drei Freunde schicken ihm die Liebe, den Tod und die Zeit vorbei, um ihn auf die lichte Seite zurückzuholen...

Ab hier gibts SPOILER SPOILER SPOILER.

Alles in allem, wie gesagt ein Hollywoodfilm. Mit sehr bekannten Schauspielern. Will Smith als Hauptdarsteller etc. Aber wie geht der Film mit der Trauer um, der eigentlichen Hauptdarstellerin des Films.

Dass der Umgang mit Trauer  im Vordergrund des Films steht, ist doch bereits ein erster guter Aspekt. Genauer gesagt, der Umgang eines Mannes mit dem Verlust seiner Tochter (durch einen Hirntumor). Wenn wir unseren Protagonisten kennenlernen, liegt der Tod seiner Tochter bereits zwei Jahre zurück. Ein weiter, guter Aspekt,  wie ich finde. Denn damit zeigt der Film, dass Trauer ein langer Prozess ist. Auch wenn bereits "viel" Zeit verstrichen ist, kann Trauer umfassend Teile des Lebens bestimmen, das alles beherrschende Gefühl sein. Zeit heilt nicht automatisch alle Wunden. Auch damit wird sich der Film auseinandersetzen.

Der Protagonist wird als sehr zurückgezogener, isolierter Trauernder gezeigt, der mit der Welt nichts mehr zu tun haben will. Mit niemanden spricht. Aber auch keine extremen Gefühle oder Tränen zeigt. Ich würde mal behaupten,  ein stereotyp eher trauernden Männern zugeschriebenes Verhalten. Außen vor gelassen wird sein soziales Umfeld. Wieso ist da niemand, Familie und Freund_innen?  Lebt er seit zwei Jahren zurückgezogen und alleine in seiner Wohnung? Ist nicht wirklich Thema und bleibt damit unbemerkt traurig.

Er versucht erst mal gar nicht einen Umgang mit dem Tod seiner Tochter zu finden.  Das einzige, wie wir seine aktive Auseinandersetzung erleben, ist, dass er den Allegorien von Leben, Zeit und Tod düstere Briefe schreibt. Durch "Zufall" geraten diese an seine drei Freund_innen und Arbeitskolleg_innen, die auch aus wirtschaftlichen Gründen daran interessiert sind, dass es ihrem Freund "endlich" besser geht.

Das finde ich dann auch die schöne Idee des Films. Die  Auseinandersetzungen mit dem personifzierten Leben, der Zeit und dem Tod, die die drei Freunde dem trauernden Protogonisten vorbei schicken. Um mit seiner Trauer, seinem Schmerz und seiner Wut leben zu lernen und seinen Trauerweg weiterzugehen, arbeitet er sich an diesen drei Themen ab.

Der Tod "I have heard all your platitutes: She is in a better place. This is all part of a masterplan. [...] Here is my favorite: God looked down and saw the most beautiful rose. So beautiful that he picked it to have it in heaven. [...]

Than there is the sience, the biocentrism - we are living and dying in infititive universes all at the same time. And the religions, the christians and their salvation, the buddhists and samsara. the hindus and the sacrament. and get the poetry. And to die is different from what any one supposed, and luckier. Whitman. Rage, rage against the dying of the light. Though wise men at their end know dark is right. Thomas. [...] I got it. "It all basically says, that you are a natural part of life. We should not hate you. We should not fear you, I guess, we should just accept you. It's just all a bunch of intellectual bullshit, because she is just not here holding my fucking hands.

Die Zeit "You just waste time." "I don't care about time. [...] I don't want your gift, because you took hers."

Die Liebe "Love betrayed me.  You broke my heart." "No, I am in all of it. I am the darkness and the light. I am the sunshine and the storm. Yes, you are right, i was there in her laugh, but I am also here in your pain. I am the reason for everything. I am the only why. Don't try to live without me."

Und dann ist da noch die titelgebende Collatoral Beauty (die alles begleitenden, durchdringende Schönheit, in deutsch mit verborgenen Schönheit übersetzt). Es bleibt den Zuseher_innen überlassen, wie sie collatoral beauty genau deuten. Vielleicht ist es der heilsame Blick auf die eigene Trauer. Das Erkennen, dass der Grund für die Trauer, die Schmerzen die dahinter stehende Liebe ist. Dass das Schöne bleiben kann und verbindet. und gesehen werden will. Es ist das, wo uns der Trauerweg vielleicht hinführen vermag, diese alles durchdringende Schönheit zu sehen. Das Leben intensiv wahrnehmmen. Das Licht im Sinne von Liebe und Verbundenheit in der Dunkelheit sehen. Die tiefgehende Verbundenheit aller Dinge zu spüren. Long way to go?!

Und dann schlägt Hollywood wieder zu. Die allgorischen Figuren wirken nicht nur auf den Protagonisten, sondern sozusagen "im echten Leben" auf die Probleme der drei Freund_innen. Sehr heilsam also. Nochmal dicke Tube Schmalz.

Und ach ja. Nach einer kurzen,  emotionalen Ausbruch in der Interaktion mit Liebe, Zeit und Tod. Zack bumm. wacht er auf, erkennt seine FreundInnen wieder. und ihre Sorgen und Leid - als wäre er nie weg gewesen. Here we are, dear Hollywood. Geht's uns wieder gut. Plötzlich wieder da. Katharsis. Ein Blitzlicht auf den weiteren Trauerweg hätte uns Hollywood schon auch noch vergönnen können. Und dann die Geschichte mit der Frau. Aber wenn wir uns auf den Film einlassen, dann passts auch das dann irgendwie.

Schlussstück

Der Tod ist groß.Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns.

Rainer Maria Rilke

 

Wenn uns eigene Worte fehlen, können die der großen PoetInnen Trost spenden. Die Ästhetik wie das Zeitlose der Kunst und der Poesie berührt und beruhigt.

Ich habe dieses Gedicht von Rilke als Geschenk erfahren, als ich einem lieben Menschen von meinem Verlust erzählte. Ein passendes Gedicht. und eine schöne Geste wider der Sprachlosigkeit des Unausprechlichen.

 

 

Film: One more time with feeling

Edit: Dieser Blogartikel ist mein Beitrag zur Aktion "Alle reden über Trauer". Siehe mehr dazu am Ende des Beitrags. Der Film „One more time with feeling“ ist ein Making-of zum neuen Album von Nick Cave  “Skeleton Tree”.  Nick Cave arbeitet gerade an seinem neuen Album, als sein 15-jähriger Sohn Arthur stirbt. Der Film soll, so wirkt es, zeigen, wieso das Album so geworden ist, für Nick Cave ungewöhnlich unfertig und ungeschliffen. Er will sich seinem Publikum erklären, ohne sich jedoch ihm unbekannten Medienleuten zu stellen, und deren Fragen zu seinen Songs und seinem Privatleben zu beantworten.

Es ist zwar kein Film, der viel Handlung hat, aber falls du dir deine eigene Meinung bilden willst, hier könnten SPOILER SPOILER SPOILER sein.

Nick Caves Sohn stirbt. Er und seine Familie leben weiter. Nick Cave (warum auch nicht) ist mit denselben Themen konfrontiert, wie so viele Trauernde. Er kann jedoch mit diesen Themen auch in der Musik Ausdruck finden. Obwohl die Songs teilweise bereits vor dem Tod seines Sohnes geschrieben wurden und seltsamer Weise vorhersehend wirken. Die Textstelle „You fell from the sky and crashed in a field near the river Adur“ bezieht sich, so lässt sich vermuten, darauf, dass sein Sohn in den Klippen bei Brighton tödlich verunglückt ist. Aber der Refrain "with my voice i am calling you" macht das Lied sowieso zum #griefsoundtrack.

Er will in diesen traumatischen Ereignissen eine Erzählung finden, die ihm Orientierung bietet. Ist es überhaupt machbar, einen künstlerischen Umgang zu finden? Worte zu finden, die ihm das Geschehene begreifbar und vielleicht auch anderen zugänglich machen, ist unmöglich. Es ist doch alles nur Blödsinn, was ich sage, gibt er zu bedenken. Ihm, dem poetischen Sprachkünstler, fehlen die Worte, obwohl es so wirkt, als würde er gerade um diesen Ausdruck ringen. Ein Trauma, wie er es nennt, ist eine Katastrophe für den kreativen Prozess. Und stellt damit auch ihn als Künstler in Frage. Er sei alt geworden, alles (in Hinblick auf die Kunst) fällt ihm schwerer.

Er hat keine Weisheiten, keine Plattitüden parat, damit wir diese eigentlich unzumutbare Wendung des Schicksals annehmen können. Die Phrase „Er lebt in unseren Herzen weiter“. Wie so oft, mit diesen Sprüchen von Außenstehenden ist wenig anzufangen. Ja, er ist in unserem Herzen, aber er lebt einfach nicht mehr. Das Einzige, das okay ist, ist das nichts okay ist. Das nicht okay sein auch okay sein muss. Die Welt bleibt nicht stehen, alles herum läuft weiter. Vielleicht auch okay. Es wird weitere Platten, weitere Musik geben, solang das Publikum will. Aber alles ist anders.

Der Film zeigt einen Mann und seine Familie im Schmerz. Nicht in diesem akuten Schmerz der ersten Wochen und Monate, sondern einen Schmerz, der sich in das Leben integriert hat. Wenn man nach außen wieder funktioniert und sein Leben weiterführen kann. Aber niemals wird er wie früher sein. Menschen möchten sich nicht verändern. Warum auch? Und wenn dann zu einer besseren Version von uns selbst. Ein Ereignis, wie dieses, eine persönliche Katastrophe verändert einen ohne dass man selbst darauf Einfluss hat. Es kann einen so verändern, dass man sich selbst nicht wiedererkennt. Wer bin ich jetzt? Was mache ich jetzt? Erstmal einfach weitermachen, wie bisher?

Der Film zeigt einen Mann, der trauert. Wie jede/r von uns, auf seine ganz eigene, individuelle Weise. Der Film zeigt das ehrlich, nicht entblößend. Die Untiefen der Trauer und des Schmerzes bleiben uns verborgen (außer in der Szene, wo Susie das Bild zeigt, das Arthur einst von den Klippen gemalt hat, von denen er in den Tod gestürzt ist). Aber dennoch spürt man diese Welterschüttertheit. Aber alles in allem auch eine Friedlichkeit. Wir, Susie und ich, sagt Nick Cave, haben beschlossen wieder glücklich zu sein. Als Trotz und Rache sozusagen.

Wenn er dann zum Schluss den Refrain singt "It’s all right now”, hat man das Gefühl, er hadert. Wahrscheinlich ist es einfach beides: all right und einfach überhaupt nicht okay.

Nachtrag

Ich nehme mit meinem Blog an der Aktion "Alle reden über Trauer" teil, die von Silke von der Seite In lauter Trauer zum Geburtstag ihres Freunds initiiert wurde. Alles Gute, Julian!

Ich habe diese Aktion genutzt, um den Schritt zu wagen, den Blog öffentlich zu schalten. Danke, liebe Silke, für diese Möglichkeit! Diesen Beitrag habe ich gewählt, weil er mir bisher der liebste ist.

Alle reden über Trauer (C) in lauter trauer
Alle reden über Trauer (C) in lauter trauer

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Kindness

kindness grief trauer

Kindness

von Naomi Shihab Nye, 1952

Before you know what kindness really is you must lose things, feel the future dissolve in a moment like salt in a weakened broth. What you held in your hand, what you counted and carefully saved, all this must go so you know how desolate the landscape can be between the regions of kindness. How you ride and ride thinking the bus will never stop, the passengers eating maize and chicken will stare out the window forever.

Before you learn the tender gravity of kindness you must travel where the Indian in a white poncho lies dead by the side of the road. You must see how this could be you, how he too was someone who journeyed through the night with plans and the simple breath that kept him alive.

Before you know kindness as the deepest thing inside, you must know sorrow as the other deepest thing. You must wake up with sorrow. You must speak to it till your voice catches the thread of all sorrows and you see the size of the cloth. Then it is only kindness that makes sense anymore, only kindness that ties your shoes and sends you out into the day to gaze at bread, only kindness that raises its head from the crowd of the world to say It is I you have been looking for, and then goes with you everywhere like a shadow or a friend.

From Words Under the Words: Selected Poems. Copyright © 1995 by Naomi Shihab Nye.